Gutachten zu Büchern fremdsprachiger Autoren von akt, z. B. von:

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Autor:Roberto Ampuero Download als PDF
Titel:PASIONES GRIEGAS
Verlag:Editorial Planeta, Spanien 2006

Roberto Ampuero wurde in Valparaíso/Chile geboren, seine Werke, unter anderem  seine Kinderbücher, wurden in Spanien und Südamerika veröffentlicht und in Europa in neun verschiedene Sprachen übersetzt. Die Detektivromane Der Schlüssel liegt in Bonn (1994) und Boleros in La Habana (1997) erschienen auf Deutsch im Verlag Das Neue Berlin und sind nicht mehr lieferbar. Der Autor lebt zurzeit in Iowa in den Vereinigten Staaten.

Der Mittvierziger Bruno Garza, Professor für historische politische Wissenschaften an einer kleinen Universität im amerikanischen Mittelwesten wird völlig unerwartete von seiner Frau Fabiana verlassen. Die Kunsthistorikerin, die wie er aus Süd- bzw. Mittelamerika stammt, hinterlässt ihm lediglich eine lapidare E-Mail: „Ich brauche Zeit und Abstand. Ruf weder an noch suche mich.” Eine verzweifelte Suche über drei Kontinente beginnt, und daraus resultieren Erinnerungen und Reflexionen einer langjährigen, zerrütteten Beziehungsgeschichte des Akademiker-Paares. In dem Versuch, Fabianas Entschluss nachzuvollziehen, reist Bruno in der vorlesungsfreien Zeit zunächst zu seiner erwachsenen Tochter Carolina nach New York, dann nach Antigua/Mittelamerika und schließlich nach Kreta/Griechenland, wo er auf eine verzweifelte Spurensuche nach der Historie ihrer Beziehung geht. Zu Brunos Überraschung offenbart ihm seine Tochter, dass ihre Mutter Fabiana über Brunos heimliche Seitensprünge informiert war und dass sie gedemütigt und wütend ihrer Ehe entflohen ist.  Ihren Aufenthaltsort kenne sie aber nicht; sie rät ihm, die Mutter in Ruhe zu lassen und nicht nach ihr zu suchen. In Guatemala angekommen stößt er auf Hinweise, dass seine Frau hier einige Zeit verbracht hat und inzwischen das Land wieder verlassen hat. Bereits in New York ist ihm Inspektor Oliviero Duncan von der Stockholmer Polizei auf den Fersen, der ihm mitteilt, dass die junge Fulki Manohar in Stockholm vermisst wird und dass ihr letzter Anruf via Mobiltelefon Bruno galt. Dieser erinnert sich an einen stummen, nächtlichen Anruf, den er nicht zuordnen konnte, und gibt zu, dass Fulki früher seine Studentin und Geliebte war. Duncan lässt nicht locker und folgt ihm nach Antigua, wo er nach Brunos Beziehungsgeschichten und dem Beweggrund seiner Reise fragt. Die beiden Männer spüren, dass sie auf einer Wellenlänge sind und führen lange, offene Gespräche in der exotischen und zugleich gewalttätigen Atmosphäre von Antigua de los Caballeros. Dort lernt Bruno auch die attraktive Françoise kennen, die kurz vor ihrer Hochzeit noch einmal auf einen Solo-Trip gegangen ist. Bruno verfällt den Reizen der intelligenten Französin und eine erotische Affäre, die ihn in vieler Hinsicht an die leidenschaftlichen Anfänge seiner Beziehung zu Fabiana erinnert, beginnt. Für Bruno bedeutet sie zunächst nicht mehr als einen seiner zahlreichen Seitensprünge, vielleicht auch einen Wink des Schicksals (S. 124): Françoise erfährt von der jungen Italienerin Stefania, dass Fabiana – in männlicher Begleitung – möglicherweise nach Europa geflogen sei und erzählt es Bruno, der sich nun eifersüchtig, wie Odysseus auf der Suche nach Penelope (S.187: Die Welt scheint für Reisende gemacht, die ewigen Odysseuse ..., für sie gibt es keine Regeln ), sofort nach Kreta begibt. Kreta ist für ihn der magische Ort seiner Vergangenheit, und er erinnert sich gern an die stürmische, vor Erotik knisternde Zeit, die Fabiana und er in den ersten Wochen ihrer Ehe erlebten. Ihm erscheint es jetzt plausibel, dass Fabiana dort auf ihn wartet und eine Versöhnung möglich sein wird. Doch er ahnt auch allmählich, dass seine Frau Fabiana ein unbekanntes Wesen für ihn geblieben ist – er irrt wie der Minotaurus im Labyrinth von Knossos umher. Fabianas Leidensgeschichte hat ihn nie wirklich interessiert.

Fabianas Biografie ist eng mit der tragischen Geschichte ihres mittelamerikanischen Heimatlandes verquickt: Mit ihrer Mutter Alma, die früh Witwe wurde und ihre Kinder verlassen musste und später starb, hat sie immer noch eine Rechnung offen. Als der Vater von Fabiana bei einem Flugzeugabsturz, dessen Ursache nie geklärt werden konnte, ums Leben kam und die Mutter versuchte, ein neues Leben zu beginnen, wurde sie von der Familie des Vaters, einer wohlhabenden Kaffeeplantagen-Dynastie, verstoßen. Die Kinder, zwei Brüder und Fabiana, wurden vom despotischen Onkel Constantino aufgezogen. Fabiana verliebte sich als Teenager in Camilo, einen jungen Kommunisten, der hinterrücks ermordet wurde. Diese Liäson wurde vom Onkel, der dem politischen Lager der Konservativen angehört und die Kommunisten fürchtet, nie gebilligt. Erst nach dem Tod Camilos, als sie auf der Flucht vor der Diktatur ein Kunststudium in New Orleans und Boston/USA beginnt, wo sie Bruno kennen lernt, kann sie sich von dem herrischen Onkel („del poder inquisidor del tío” (S. 153)) befreien und will ihren Frieden mit der inzwischen verstorbenen Mutter machen. Nach dem Examen und schwanger von Bruno Garza reist sie noch einmal in ihre Heimat, besucht die Mutter und will der Familie  des Onkels die Stirn bieten – doch ihre Verletzungen und ihr Misstrauen sind noch zu groß. Eine Woche nach ihrer Abreise wird ihre Mutter bei einem Autounfall getötet, und später besucht Fabiana nur noch einmal ihr Grab. Fabianas neues, amerikanisches Leben als Dozentin an der Uni in Iowa, die Ehe mit Bruno, ihre beiden Kinder erweist sich als brüchige Fassade – die eigene Biographie hat zu viele offene Wunden hinterlassen. Sie flieht vor den übermächtigen Schatten der Vergangenheit. Die Untreue ihres geliebten Mannes stürzt sie in eine tiefe Krise und erneut begibt sie sich auf die Flucht. Erst allmählich wird deutlich, dass sie einen teuflischen Plan hat, um sich für all das erlittene Leid zu rächen. Die Ex-Geliebte Brunos, eine indische Studentin namens Fulki Manohar, lässt in Fabiana eine Wunde wieder aufbrechen, die nie ganz verheilt war: Die Untreue, das männliche Machtgehabe und die Unverantwortlichkeit hat in ihrer Familie zu viele Opfer gefordert, als dass sie ertragen könnte, was Brunos Affäre in ihr auslöst. Sie nimmt ihr Leben in die Hand und entscheidet sich zum Äußersten, das bis zum Schluss im Dunkeln bleibt.

Im Hotel auf Kreta treffen inzwischen auch Françoise und Stefania ein, und sie erleben eine erotische ménage à trois, denn Bruno, der sich fühlt wie Alexis Sorbas (S. 177) – mit Reminiszenzen der leidenschaftlichen Zeit mit Fabiana – ist von den jungen Frauen auf unterschiedliche Weise angezogen. Kurz bevor der Verlobte von Françoise auf Kreta landet, teilt Kommissar Duncan Bruno noch mit, dass Fulki Manohars Leiche in der Ostsee gefunden wurde, was diesen einerseits von dem Mordverdacht befreit, ihn andererseits schmerzlich an seine unvergessliche Affäre mit Fulki erinnert. Bruno wird klar, dass das sich ewig drehende Rad von Leidenschaft, Liebe und Eifersucht nun von Jean-Jaques, dem betrogenen Verlobten von Françoise, dessen Leid die Geschichte Brunos und Fabianas, aber auch Almas, spiegelbildlich wiedergibt, verkörpert wird. Als Fabiana schließlich plötzlich ihre Ankunft auf Kreta ankündigt, fährt Bruno zu ihrem Hotel und findet, als er heimlich in ihren Sachen stöbert, einen falschen Pass und ein Flugticket nach Stockholm – unmissverständlich wird klar, dass Fabiana sich ein für allemal an Bruno gerächt hat und mit der Rivalin kurzen Prozess gemacht hat. Bruno, obwohl schockiert, kann nicht anders, als ihr dankbar zu sein, dass er ihr die Entscheidung abgenommen hat. Nun erkennt er auch die dunkle Seite seiner Frau, die er in seiner Gekränktheit und „Liebesblödigkeit” über zwanzig Jahre lang ignoriert hat. So tritt Fabiana, deren schemenhafte Figur das eigentliche Thema des Romans ist, am Ende nur kurz wie ein Meteorit in das Geschehen ein.

Die zweisträngige Handlung des Romans ist sprachlich und erzählerisch straff durchkomponiert: Während Brunos Geschichte auktorial erzählt wird, ist es im gegenläufigen Strang die Ich-Erzählerin Fabiana, die den anderen Handlungsfaden beisteuert. Der auktoriale Erzähler berichtet chronologisch die Erlebnisse des verlassenen Ehemanns, doch erst durch die Rückblenden in Fabianas arbiträrer Darstellung ihrer eigenen Biografie werden die psychologisch wichtigen Hintergründe und die Zwangsläufigkeit der Ereignisse klar („Ich kann keinen Bericht wie Bruno geben, der das Seinige in rigoroser  Reihenfolge geordnet wiedergibt, mit Ursache und Wirkung und am Ende mit einer Lösung, die wie aus einem gut strukturierten Roman zu stammen scheint.” (S. 152)). Den Reiz und den Spannungsbogen des Romans machen die beiden Stränge aus, die aufeinender zulaufen und sich schließlich in einem völlig unerwarteten, aber auch unausgesprochenen Finale verschränken. Zwar ist Ampuero ein versierter Kriminalromanschreiber, aber was sich zunächst wie ein echter „page-turner” anlässt, wirkt streckenweise dadurch redundant, dass die Schilderung exakt der kreisförmigen Gedankenführung des tumben Ehemannes entspricht, die sich nur um Sex, Gewohnheit und Machtanspruch zu drehen scheint. Nichtsdestoweniger ist das Identifikationspotenzial mit der Figur Brunos für den Leser ungleich größer, weil Fabianas disparate Kindheits- und Jugenderlebnisse in einem von Gewalt und Terror regierten Land sich erst allmählich wie Puzzleteile aneinanderfügen. Das ist die gute Nachricht.

Die weniger gute ist die Erkenntnis, dass sowohl das „Setting” als auch die Psychogramme der Figuren allzu klischeehaft geraten sind: Der amerikanischen Campus-Seligkeit, dem griechische bzw. guatemaltekische Urlaubsidyll, den erstaunlich rasant angebahnten Affären Brunos, den die Handlung steuernden, immer zum richtigen Zeitpunkt eintreffenden E-Mails und den sexuellen Grenzüberschreitungen in der Bruno-Geschichte fehlt fortgesetzt die Bodenhaftung.

Im Gegensatz dazu wünscht der Leser sich eine größere Präsenz von Fabianas Geschichte, die nur ein Drittel des Textes ausmacht und mit ihrer Lückenhaftigkeit, Schemenhaftigkeit, Subjektivität und ihrem Anachronismus den eigentlichen Reiz des Romans ausmacht. Die Beweggründe für Fabianas kaltblütigen Mord, den ihr Mann am Telefon mit anhören muss, werden aus den tagebuchartigen Eintragungen, die schreibtherapeutische Zwecke verfolgen, ganz allmählich deutlich und erzeugen eine Gänsehaut beim Leser, der eben noch mit Bruno Wein trinkend in der Taverne am Strand saß. Für die Gleichzeitigkeit der sich anbahnenden Katastrophen hat Ampuero den erzähltechnisch perfekten Dreh gefunden – die ausführenden Organe aber bleiben, mit Ausnahme von Fabiana, die so gut wie gar nicht auftritt, leider etwas schablonenhaft.

Eine lohnende, spannende Lektüre, die einen weiten, wissenden Bogen über Kulturen und Kontinente spannt.

© Anette Kühnel
7.11.2006