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Autor:Edha´a Blackwell Download als PDF
Titel:ROMÉO ET JULIETTE DE BAGDAD
Wenn die Liebe dem Krieg trotzt
Verlag:Édition Michel Lafon, Frankreich 2005

Die Geschichte von Edha´a Blackwell und dem Soldaten Sean Blackwell ist der autobiographische Bericht einer Autorin, die das dringende Bedürfnis hat, über das zu schreiben, was um sie herum und mit ihr selbst angesichts des großen Weltgeschehens passiert. Es ist keine fiktionale Literatur, sondern der Rapport eines authentischen „clash-of-cultures”-Dramas in 14 Kapiteln.

Im Mai 2003, kurz nach der Invasion der USA und ihrer Alliierten im Irak, trifft die junge Ärztin Ehda´a auf der Suche nach einer Anstellung im Gesundheitsministerium in Bagdad den jungen amerikanischen Soldaten Sean Blackwell.

Edha´a ist vierundzwanzig Jahre alt, stammt aus einer bürgerlich-liberalen irakischen Familie und muss wegen des Irak-Kriegs ihre Facharzt-Ausbildung unterbrechen. Edha´as unverbrüchlicher Glaube an die Zukunft wird durch den Sturz Saddam Husseins gestärkt, obwohl nach der Einnahme Bagdads um sie herum das Chaos von Bombenattentaten und Plünderungen herrscht. Die junge Frau ist überzeugt davon, dass der Krieg gegen Saddams Militärdiktatur gerechtfertigt ist, sie teilt die Meinung George W. Bushs ohne Einschränkung. Edha´a schreibt mit Abscheu von den Aufmärschen der Truppen Saddams, die vor dem Eintreffen der Amerikaner in der Stadt durch die Straßen dröhnen und im Garten ihres Hauses Flugabwehrgeschütze installieren. Die Sicherheit in der Stadt kann durch die Präsenz der alliierten Militärs nicht merklich verbessert werden und Edha´a fragt sich, welcher propagandistischen Berichterstattung sie Glauben schenken soll – der CNN oder dem irakischen Staatsfernsehen.

Ihre Vorstellung von Amerika ist durch Hollywood geprägt. Sie trifft ihren Märchenprinzen Sergeant Sean – mit blendend weißen Zähnen und blauen Augen „wie Sean Connery” – und verliebt sich auf der Stelle in ihn. Täglich um die gleiche Zeit treffen sich Edha´a und Sean, der sich vergeblich bemüht, Edha´a eine Anstellung im Sanitätsdienst zu verschaffen. Der Soldat Sean Blackwell ist sechsundzwanzig Jahre alt, entstammt einer Südstaaten-Familie von Berufssoldaten, wollte eigentlich Pilot bei der Air-Force werden, bleibt aber Infanterist. Bei der Mobilmachungskampagne Bushs ist er einer der ersten, die sich für den Irak rekrutieren lassen. Er ist erleichtert, eine geschiedene Frau mit Kind und eine schwangere Freundin in den Staaten hinter sich lassen zu können – sein bisheriges Leben ist leider nicht so stringent verlaufen wie seine christlich-moralischen Grundsätze es ihm vorschreiben. Nun trifft er seine große Liebe Edha´a, ausgerechnet eine muslimische Irakerin im Feindesland. Sean und Edha´a werden Komplizen; er fährt sie mit dem Jeep durch Bagdad, stellt sie seinen Vorgesetzten vor, sie bringt ihm landesübliche Mahlzeiten mit und zeigt ihm die Stadt, die ihm „wie Tausendundeine Nacht” vorkommt. Im Palast von Saddam wird dem Leser nicht nur die immense Prunksucht des gestürzten Diktators vor Augen geführt („Kristalllüster aus Europa, goldene Wasserhähne und Waschbecken, Swimmingpool im Garten...”), sondern er wird auch Zeuge der gegenseitigen Liebeserklärung Seans und Edha´as. Jetzt beginnt der Hindernislauf der Liebenden, denn die beiden wollen unbedingt heiraten.

Die amerikanische Militärgesetzgebung schreibt christlichen Soldaten, die im Ausland heiraten wollen vor, zum entsprechenden Glauben zu konvertieren, wohingegen der Koran einer Muslimin verbietet, die Ehe mit einem Christen einzugehen. Nachdem sich Edha´a und Sean verlobt haben, arbeitet Sean nun an seinem Übertritt zum Islam, lernt Koransuren und wird vom Imam im Juli 2003 feierlich aufgenommen. Die Verlobten nehmen ihre Religionszugehörigkeit sehr ernst und führen lange Gespräche über deren ethische Kodizes, also die Alltagstauglichkeit der Religionen in den jeweiligen Gesellschaften. Edha´a kommt zu dem einigermaßen komfortablen Schluss, dass das Christentum ein Teil des Islam ist, weil er Jesus immerhin als Prophet anerkennt und „Weihnachten ein gemeinsames Fest” ist.

Zweites Dilemma ist natürlich ihre unterschiedliche Herkunft: Seans Mutter, als sie von der Verlobung erfährt, hält Edha´a für eine „Terroristin vom Schlage Bin Ladens”, die Verwandten halten Seans Vorhaben für eine „Schnapsidee”, zumal er kaum den Unterhalt für seine beiden Kinder aufbringen kann. Sean ist vaterlos aufgewachsen, seine republikanischen Ideale, vermischt mit seiner „Underdog”-Mentalität, möchte er auch seiner Verlobten vermitteln. Diese hingegen, ebenfalls vaterlos aufgewachsen, hat eine intellektuelle sunnitische Mutter, die ihre Kinder allein erzieht, studieren lässt und trotz modernem politischen Bewusstsein  keiner der neuen oder alten irakischen Parteien angehört. In Edha´as Familie spielt orthodoxe Religion eine untergeordnete Rolle. Edha´a versteht sich als Weltbürgerin in einer der ältesten Kulturkapitalen des Orients, kleidet sich westlich, weil es ihr Spaß macht und ihr Selbstbewusstsein als Ärztin und Frau ist ebenso unerschütterlich wie ihr Optimismus – selbst als ihr plötzlich aufgetauchter Vater sie nach der Verlobung ohrfeigt.

Sean bittet den jüngeren Bruder Mohammed um ihre Hand und die Hochzeitsvorbereitungen beginnen. Der formale Akt der Hochzeit ist enttäuschend für die junge Frau und schnell wird klar, dass Edha´a ein Visum braucht, um mit Sean gemeinsam auszureisen. Beim Konsulat, bei der Militärverwaltung selbst bei Paul Bremer sprechen die beiden vor – aussichtslos. Seans oberster Vorgesetzter will die „Fraternisierung” um jeden Preis verhindern und droht mit Seans Strafversetzung nach Falludscha. Durchgesetzt wird ein Besuchsverbot, sodass Edha´a ihren Ehemann monatelang nicht sehen kann – ein Briefwechsel gibt Zeugnis ihrer starken Liebe. Schließlich findet sich der Ausweg, in Jordanien ein Visum zu beantragen und die einfallsreiche Edha´a startet eine „Medienoffensive” gegen das Heirats- und Einreise-Verbot. Mit Reportern und einem amerikanischen Kamerateam reist sie nach Amman. Sie installieren sich für mehr als drei Monate in Amman, das Leben ist teuer und beschwerlich, aber wiederum findet Edha´a ökonomisch und intellektuell Lösungen für ihr Überleben. Inzwischen werden auch europäische Vermittler in das Verfahren eingeschaltet, der französische Verleger Michel Lafon bietet einen „Deal” an: Edha´as Bericht gegen ein Visum. Die französischen Behörden ziehen das Angebot angesichts der angespannten Beziehung zu den USA zurück. Schließlich wird das amerikanische Visum erteilt, der Sender CBS übernimmt die Reisekosten und im Februar 2004 fliegt Edha´a zu ihrem „Romeo” in das gelobte Land, nach Florida, wo das Fernsehen eine „Wiedersehens-Show” inszeniert.

Dort entpuppt sich der amerikanische Traum als kleiner Albtraum, weil beide weder Obdach noch Arbeit haben, da Sean inzwischen die Armee verlassen hat. Er findet einen Job als Landvermesser und kauft ein Wohnmobil, das ein Wirbelsturm hinwegfegt. Nur Edha´a läßt sich ihre Träume nicht nehmen, arbeitet als Schuhverkäuferin für einen Hungerlohn und glaubt ebenso fest wie naiv an ihre Zukunft als Ärztin mit eigener Klinik. Obwohl inzwischen leise Zweifel an ihr nagen, ob Amerika wirklich das Land der tausend Möglichkeiten und Freiheiten ist, sie die Bigotterie, Heuchelei und Oberflächlichkeit der Nachbarn durchschaut, ist sie felsenfest von ihrer Liebe und ihrem Entschluss überzeugt. Sie bereitet sich auf ihr Annerkennungsexamen als Medizinerin in den USA vor und Sean hat Chancen, in einem großen Baukonzern eine gute Anstellung zu finden. Anfang 2004 werden beide Kerry-Wahlkampfhelfer und als die Demokraten die Wahl im November 2004 verlieren, beschließen Sean und Edha´a enttäuscht, nach Boston zu ziehen, weil das politische Klima dort angenehmer ist. Sie träumt von einem „Remake” ihrer Hochzeit, einem „Vom-Winde-verweht-Hochzeitskleid”, einem hübschen Häuschen  in einem Neuenglandstaat, in dem sie ihren gemeinsamen Sohn großziehen möchte. Endlich soll ihre Mutter in Bagdad, der sie während des Irankriegs 1987 ihre Absicht nach Amerika zu gehen angekündigt hatte, ein richtiges amerikanisches Hochzeitsfoto bekommen, doch bis zum Schluss bleibt offen, ob sich diese Träume erfüllen.

Edha´a Blackwell legt hier das einzigartige Zeugnis eines persönlichen Dramas in einer politischen Krisensituation vor, das in seinem Anspruch, umfassend, authentisch und „omniscient” zu sein, von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist. Gemeinsam mit ihrer Mitarbeiterin Caroline Mangez hat sie gewissenhaft die weltpolitischen Ereignisse recherchiert. Chronologisch wird die individuelle, verhängnisvolle Liebesgeschichte Seite an Seite mit den aus den Medien hinlänglich bekannten Bildern von den kriegerischen und politischen Ereignissen des Irak-Kriegs erzählt. Die Autorin bewältigt die Synopse narrativ leider nicht. Eine literarische Überhöhung hätte funktionieren können und wird in Ansätzen gewagt, wenn z.B. die Autorin ihren Vornamen (Edha´a, arab.: das Opfer) als Leitmotiv für ihre Leidensgeschichte „Romeo und Julia” einsetzt. Die Autorin, obwohl gebildet und wohl wissend, verknüpft die beiden Stränge – den Irak-Krieg und die persönliche „Cinderella”-Legende – allzu hölzern. Der Geliebte Sean bleibt ein Schatten, sogar ein Klischee seiner gesellschaftlichen und kulturellen Herkunft. Die beiden Protagonisten gehen geläutert, aber weder tot noch als Paar, das „glücklich ist bis an sein Ende”, aus der Geschichte hervor.

Die Beschwörungsformeln der Autorin, mit denen der kulturelle und religiöse Graben, der die Kriege zwischen den Völkern entfacht, durch echte Liebe überwunden werden soll, sind am Schluss unglaubwürdig („Ich bin sein Orient, er ist mein Okzident und das ist die derzeitige Situation, wir halten Kurs auf eine hoffnungsvolle Zukunft.”). Blackwell liefert selbst Gegenbeweise dafür, dass Morgen- und Abendland lediglich wegen religiöser und ethischer Widersprüche zwei unvereinbareTeile dieser Welt sind.

In der Reihe der „Memoiralistinnen” Nura Abdi, Ouarda Saillo, Maryam Ansary (und Betty Mahmoody) wäre Blackwells Bericht nach einem gründlichen Lektorat denkbar. Die Lücke einer literarischen Auseinandersetzung mit dem jüngsten Weltgeschehen kann ihr Text nicht schließen, wohl aber einen sensiblen Einblick in die aktuelle Situation des Irak geben. Der deutsche Buchmarkt hat bisher nur historische Romane zum Thema zu bieten, abgesehen von dem schmalen Bändchen „Zabibah und der König”, einer märchenhaften Bagdader Liebesgeschichte aus der Feder von – Saddam Hussein!

© Anette Kühnel
8.4.2005