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Autor:Andrea Camilleri Download als PDF
Titel:LA PENSIONE EVA
Verlag:Editore Feltrinelli, Italien 2006

In seiner knapp 200 Seiten langen Erzählung LA PENSIONE EVA verlässt Camilleri noch einmal sein eingefahrenes Gleis und stellt einen Stoff vor, der einem regelrechten Bildungsroman entstammen könnte. In seiner Nachbemerkung stellt er klar, dass seine Erzählung zwar einen sehr persönlichen Charakter hat, es sich aber keinesfalls um einen autobiographischen Bericht handelt. Ebensowenig möchte Andrea Camilleri den Text als historische Erzählung (wie z.B. LA SCOMPARSA DI PATÒ) oder Kriminalgeschichte (à la Montalbano) verstanden wissen: er habe seinem Helden Nenè lediglich seinen Vornamen und ein paar seiner Eigenschaften geliehen. Während es die Pension Eva in Vigatà wirklich gab, sind alle Figuren und Ereignisse reine Fiktion. Honni soit qui mal y pense...

Die fünfteilige Erzählung spielt zur Zeit des italienischen Faschismus und des Krieges der so genannten Achsenmächte gegen die Allierten. Der Held, der um 1930 in Vigatá geborene Nenè, erlebt in diesen unruhigen Zeiten sein persönliches „Frühlingserwachen”. Die Pension Eva spielt dabei eine zentrale Rolle; der zwölfjährige Knabe Nenè ist der personale Erzähler und kennt zunächst nur den Namen, nicht die einschlägige Funktion des stadtbekannten Bordells. Seine aufkeimende Sexualität erfährt er zuerst mit seiner sinnenfrohen Kusine Angela. Die beiden Kinder spielen auf dem Dachboden mehr oder weniger unschuldige Doktorspiele, bis Angela wegen einer ominösen Krankheit jahrelang in ein Internat geschickt wird, aus dem sie zu Nenès großer Enttäuschung geheilt und verlobt zurückkehrt. In der Zwischenzeit lässt sich der 15-jährige Nenè von der Mutter eines Schulkameraden nach allen Regeln der Kunst verführen, bis er erfährt, dass sie als „Schulschiff” von Vigatà gilt – die meisten Knaben lassen sich von ihr die Kunst der Liebe zeigen. Die Initiation, ein lang ersehntes Ereignis, erhält Nenè dann doch in der Pension Eva. Sein Schulkamerad Jacolino, Sohn des gleichnamigen Bordellbetreibers, organisiert die Zusammenkunft der Freunde Nenè und Cicchio mit den Prostituierten (die sowohl echte als auch „Künstlernamen” haben) als Einweihung des frisch renovierten Etablissements der 2. Kategorie. Leider – man schreibt das Jahr 1942 – wird der feierliche Augenblick durch Geschützfeuer und das Einlaufen deutscher Kriegsschiffe in die sizilianischen Häfen unterbrochen, und die Mädchen werden „zum Dienst” an den deutschen Matrosen abgeordnet. Die Schrecken des Krieges werden den Huren gnadenlos vor Augen geführt: Ein deutscher Sergeant kommt trotz Kopfverletzung, amputierten Beinen und Arm in den Genuss des Besuchs an Bord. Erst beim dritten Versuch klappt Nenès Einführung in die Liebeskunst bei der Hure Grazia.
Damit ist für ihn mit 17 Jahren das Kapitel der käufliche Liebe in der Pension Eva – im Text sind es die ersten drei Teile der Erzählung – erst einmal abgeschlossen, denn er besucht nun das Gymnasium in Montelusa, wo er seine Freundin Giovanna, die ein Jahr älter ist, kennenlernt. Unter einem Vorwand gelingt es Nenè, seine Eltern davon zu überzeugen, dass er die Woche über in Montelusa wohnen darf und praktisch frei schalten und walten kann. Es folgen Monate des Studiums und der ritualisierten Wochenendbesuche in der Pension Eva mit den Freunden Cicchio und Jocolino. Unter anderem entdeckt Nenè anhand eines alten Folianten, dass der Ort, an dem die Pension Eva steht, früher ein heiliger Ort war: ein griechischer Tempel – ein Venus-Tempel. Begeistert von der Idee des „erwählten Ortes” ist Nenè überzeugt, dass hier von nun an Zeichen und Wunder geschehen werden.

Diese Wunder, die eigentlich „unerhörte Begebenheiten” heißen müssten, sind Gegenstand der Teile vier und fünf der Erzählung, in denen der Protagonist Nenè in den Hintergrund gedrängt wird. Da ist der Freund Jacolino, der in Latein und Griechisch durch die „Erscheinung des Heiligen Geistes” in der Pension Eva schlagartig zum Klassenbesten wird. Die junge Kommunistin und Prostituierte Teresa trifft den aus der Haft entlassenen Alt-Kommunisten und Rechtsanwalt Manzella wieder und ist ihm unter den Klängen von „Avanti popolo, alla riscossa...” zu Willen. Während der Abwesenheit der Signura, der „Puffmutter”, ereignen sich in der Pension Eva drei „glückliche Kombinationen”: a) Jacolino bekommt über seinen Vater von den Deutschen Schnaps, sodass sich alle betrinken können, b) Nenè erhält sein Lieblingsbuch, den „Orlando Furioso” zurück, der alle inspiriert, c) zum so genannten Schichtwechsel sind fünf bzw. sechs neue Mädchen angekommen, die jeweils von lustigen Abenteuern mit ihren Freiern erzählen: ein piemontesischer Freier z.B. hat seinen Lustgewinn beim gemeinsam Lutschen eines Bonbons, ein Mailänder spielt mit den Brüsten des Mädchens Autohupe und imitiert lustvoll den Straßenverkehr einer Metropole, das Kleeblatt Nenè, Cicchio und Jacolino spielen mit den nackten Mädchen Ritterspiele und Duelle mit dem Degen. Das unbeschwerte Treiben ist verursacht durch die unglaublichen Kampf- und Liebesabenteuer des Orlando Furioso (dt.: der Rasende Roland) aus der Zeit Karls des Großen, erzählt von Ariost, nacherzählt von Nenè und steht in krassem Kontrast zu der zeitgenössischen Wirklichkeit des faschistischen Regimes und des Krieges, der sich Sizilien langsam nähert.
Als dem regelmäßigen Gast in der Pension Eva, dem 80-jährigen Witwer Lardera, beim Bombeneinschlag im Haus wundersamerweise seine Libido wiedererwacht, bekommt er die Hure Manola gratis. Allerdings wird Lardera in seiner Euphorie zwei Tage vor der Landung der Amerikaner während eines Luftalarms von einem Soldaten erschossen. Der Bruder der Hure und Genossin Nadia ist als Kommunist verhaftet und eingesperrt und kann nur gegen eine hohe Kaution freigelassen werden. Ein Mönch, der sich als Freier ausgibt, erscheint Nadia und hinterlässt die exakte Summe. Erst bei der Prozession des Heiligen Calò erkennt Nadia ihren Wohltäter wieder: den Heiligen persönlich – ein Wunder eben. Der Stotterer Piolo, genannt Miniazzo, wird in der Pension Eva von seinem Leiden geheilt. Die leicht psychotische Hure Ambra gerät bei der Zusammenkunft mit einem deutschen Oberstleutnant in religiöse Ekastase. Mitten im Bombenhagel hat sie eine Engelserscheinung: in Gestalt eines amerikanischen Fallschirmspringers versteckt sich ein Engel bei ihr und verschwindet ebenso unerkannt wieder. Nur eine lange weiße Feder erinnert Ambra an die Erscheinung.

Im März 1943, im fünften Teil der Erzählung, beginnt schließlich die letzte Phase des Krieges, in der die US-Marine die Straße von Messina erreicht und die jungen Helden Cicchio und Nenè wieder in den Vordergrund treten. In der Pension Eva erweist sich in dieser Zeit der vierzehntägige Schichtwechsel der Prostituierten als schwierig, und obwohl sein Besuch wegen der MG-Salven in Vigatà gefährlich ist, kommt Nenè sonntagsmorgens von Montelusa in die Pension zum traditionellen Mittagessen mit den Freunden und Mädchen. Wiederum erzählen die Huren Geschichten von allen Abarten und Abartigkeiten der käuflichen Liebe: Von Verkleidungs- und „Domina”-Spielen, vom Aristokraten, einem Baron, der mit dem Mädchen Siria spurlos verschwindet, vom großbürgerlichen Studenten Giugiù, der sich in das Mädchen Lulla verliebt und sie ganz für sich will. Als die Bank von Vigatà bombardiert wird, raubt er die Bank aus und bezahlt für Lulla einen Monat lang.

Aber alle haben sich verändert: Jacolino ist ein regelrechter Frömmler geworden, Cicchio ist wettsüchtig: er gewinnt die Wette, dass er mitten auf dem Hauptplatz von Vigatà im Bombenhagel seine Notdurft verrichten wird, als Zeichen seiner Verachtung für den Krieg. Den Adoleszenten wird wegen der Besetzung Pantellerias durch die Amerikaner und Engländer das Abitur verwehrt. Nenè erhält spät die Einberufung nach Ràghiti, aber als er sich bei der Kommandatur meldet, sind die Nächte der letzten Bombardierung gekommen. Im Bunker überlebt er das Inferno und muss nach drei Tagen Beschuss die Ruinen freiräumen. Er findet einen toten deutschen Soldaten neben seinem Motorrad und eine Frauenleiche, die schön ist wie eine marmorne Venus, und macht sich mit dem Fahrrad auf den Weg zurück nach Vigatà. Unterwegs trifft er den Baron, der ihm die heimliche Flucht mit Siria gesteht und der in die Schweiz gehen wird. Die Amerikaner besetzen die Stadt, die in Trümmern liegt, und errichten eine Militäradministration. Sein Elternhaus ist unversehrt geblieben und seine Familie vollständig, aber die Pension Eva ist dem Erdboden gleichgemacht. Die Figuren, Geister und Dämonen des Etablissements lässt Nenè schließlich noch einmal Revue passieren, bevor er sich mit seinem alten Freund Cicchio zu einem finalen bukolischen Fest trifft: dem lang ersehnten 18. Geburtstag. Auf der so genannten „türkischen Treppe” am Strand erfährt er von Cicchio, dass die Huren alle wohlbehalten und gerettet sind und dass seine Kusine Angela inzwischen ebenfalls dem horizontalen Gewerbe nachgeht. Ende gut, alles gut: der Krieg ist vorbei, sie sind am Leben, und Nenè raucht die erste Zigarette seines Lebens auf den Ruinen der Pension Eva.

Andrea Camilleri hat in dieser Erzählung die eigentümliche Stimmung des Erwachsenwerdens in schwierigen Zeiten auf tragikomische Weise festgehalten. Anders als in Garcia Marquez´ ERINNERUNGEN AN MEINE TRAURIGE HUREN, in denen der 90-jährige Ich-Erzähler eine Jungfrau deflorieren will und dabei auf melancholische Art sein ganzes Liebesleben noch einmal durchlebt, ist dieser Text voller Anfang und Aufbruch. Die durchaus sinnlichen Schilderungen der Erlebnisse rund um die Pension Eva sind geprägt von (mediterranem, daher z.T. derben) Humor und Unbeschwertheit gegenüber der „schönsten Sache der Welt”, ob käuflich oder nicht. Von den Lausbubenstreichen über die bittersüßen Kriegserfahrungen der Jugendlichen bis hin zu den mächtigen Gefühlen des Überlebens im Angesicht des Todes liefert der versierte Autor eine herrliche und zugleich kurzweilige Variation des Themas. Die Übersetzung aus dem sizilianischen Italienisch dürfte keine großen Schwierigkeiten bereiten, wenn man die Herausforderung, den Dialekt zu imitieren, von vornherein ablehnt. Die lineare Erzählhaltung, das übersichtliche Figurenpanorama vor der allseits bekannten sizilianischen Kulisse Vigatàs macht die Lektüre dieser pikaresken kleinen Abenteuer zu einem reinen Vergnügen.

© Anette Kühnel
15.1.2006