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Autor:Salvatore Niffoi Download als PDF
Titel:LA LEGGENDA DI REDENTA TIRIA
Verlag:Adelphi, Italien 2005

Die Geschichte ist dicht und stark wie der der schwarze Wein aus dem sardischen Bergland, dick und schwer wie das Blut, das in den Adern der Protagonisten fließt, die sehr lebendig und authentisch die achtzehn Geschichten bevölkern, die in DIE LEGENDE VON REDENTA TIRIA miteinander zu einem großen Erzählteppich verwoben sind.

Dieses Gewebe bildet die Chronik des fiktiven Ortes Abacrasta, ein Dorf in der Barbagia, dem schwer zugänglichen, „barbarischen” Bergland Sardiniens. In Abacrasta – alle echten Ortsnamen sind kryptisch verändert – leben zurzeit „eintausendachthundertsiebenundzwanzig Seelen, neuntausend Schafe, eintausendsiebenhundert Ziegen, neunhundertdreißig Kühe”, und es gibt „zweihundertfünfzehn Fernsehgeräte, vierhundertneunzig Fahrzeuge und eintausendeinhundertdreiundsechzig Handys” (S. 15). Der Chronist und Ich-Erzähler nennt sich Battista Graminzone, ist Staatsdiener und Führer des Sterberegisters von Abacrasta, wo niemand eines natürlichen Todes stirbt: „In Abacrasta, wo das Herz der Zeit aus Stein war, hatte ich den fünften Selbstmord in diesem Jahr zu verzeichnen.” (S.37) Das Sattlerhandwerk, ebenso wie andere, alt hergebrachte Gewerke, ist einer der wenigen ausgeübten Berufe im „Dorf der Gürtel” (Teil 1 des Romans). An ihren Gürteln knüpfen sich die Einwohner regelmäßig selbst auf, nachdem sie das Fatum – „la Voce”- mit dem überlieferten Satz „Ajó! Irbrìgadi, ca su tempus est‘arribau!” [S. 114: Auf! Sei bereit, denn deine Zeit ist abgelaufen!] dazu aufgerufen hat. Die Bewohner von Abacrasta sind Schafhirten, Rinderzüchter und Ackerbauern, die meisten Analphabeten, ihr Brot ist hart und ihre Lebensweise ist ebenso archaisch wie ihr vorchristlicher Aberglaube und ihre Rechtsauffassung.

Die blinde Rendeta Tiria,  eine verquaste Madonnen-Erscheinung, der McGuffin und die gute Fee zugleich, taucht in den Geschichten unvermittelt als Retterin der verlorenen Seelen auf und bildet einen rudimentären roten Faden der achtzehn Einzelschicksale. Aber jede Geschichte für sich kann als kleine Novelle mit einer „unerhörten Begebenheit” bestehen und beginnt mit dem jeweiligen unnatürlichen Tod eines Dorfbewohners. Im Folgenden erzählt der Chronist den Hergang und die individuelle Biographie der Toten: der Klassenkamerad, der Konditor, der Uhrmacher, der Bürgermeister, die Nonne, der Sattler etc. (Im Teil 2 des Romans „Vom wiedergefundenen Leben...” werden die Beinahe-Tode der Dorfbewohner erzählt: der Selbstmordversuch des Ich-Erzählers Motoretta endet mit einer Querschnittslähmung). Gefangen durch die Inkubi der Kindheit und Alpträume der Gegenwart leben die stoischen Helden der Tragödien ein entbehrungsreiches Leben in der Hermetik von Abacrasta – und gehen alle sehenden Auges in den scheinbar unvermeidlichen Tod. Eine tiefe Spiritualität liegt in den Beziehungsgeflechten der Protagonisten, die ganz singulär und unbeirrbar bleiben. Die „Legende” hat keinerlei märchenhafte Züge, obwohl in ihr Geister und Dämonen nur so wimmeln. Diese subtile Konstante der Spiritualität ist der narrative Kunstgriff, mit dem Niffoi seine schauerlichen Geschichten untereinander verbindet. Das Ende liegt mir nicht vor, der Text bricht auf Seite 150 ab.

Jede Biographie für sich gibt Einblick in eine wölfische Welt, die längst überwunden scheint.  Inzest, Gewalt, Willkür und Tod bestimmen die Erinnerungen der tragischen Helden: die Kinder sind zahlreich wie das Vieh und sterben wie die Fliegen. Die Frauen erdulden die patriarchalische Tyrannei und sexuelle Ausbeutung wie die Schafe. Alle Leidensgenossen in Abacrasta in ihrem kurzen Lebensweg sind jedoch nicht solidarisch, sondern eigensinnig und egoistisch, auf den eigenen Vorteil bedacht Hier wiederholt sich achtzehn Mal die Geschichte des geschundenen Kindes in PADRE PADRONE, hier kommt das Kind einmal im Jahr vom Schafehüten aus den Bergen des Supramonte und „dir sind Hörner und ein Schwanz gewachsen, du hast den Gebrauch der Sprache verlernt, du sprichst mit den Korkeichen und verliebst dich in ein Huhn” (S. 119). Nachts bellt das Kind wie ein Hund und tags meckert es wie ein Ziegenbock – der Mensch wird reduziert auf animalische Ausdrucksformen.

Die Ereignisse kreisen um katholische Heiligenfeiern, nuraghischen Feenglauben und heidnische Geisterbeschwörungen mitten in einer Welt von Rockmusik, Computern und Motorrädern. So ungeheuerlich und brutal die Ereignisse auch sind, so humorvoll und distanziert schildert der Sterberegisterbeamte die Wirklichkeit eines zeitgenössischen sardischen Bergdorfes. Der Ich-Erzähler ist Teil der rohen Wirklichkeit und trifft in den starken Gerüchen und Geräuschen des bizarren Landstrichs den sachlich-richtigen Ton für die Leidenschaften, Besessenheiten, Besäufnisse und  Sturheiten der Protagonisten. Niffoi handhabt diese Schwierigkeit mit leichter Feder, ist lakonisch genug, um ganz ohne Altertümelei und Folklore auszukommen. Der Text ist durchsetzt mit sardischen Begriffen und Dialogen, für die es im Deutschen kaum adäquate Übersetzungen gibt. Auch die Eigennamen der Personen sind meist sprechend oder witzig und verleihen den Geschichten poetischen Charakter: Cambaleddos, Solitariu, Chilleddu, Tragasu Imbilicu etc. Ein Glossar wäre eine denkbare, aber unschöne Lösung.

Die Authentiziät der Berichte ist längst verbürgt: Spätestens seit der Entführung der  Kronzucker-Kinder auf Sardinien ist Franco Cagnettas anthropologischer, einschlägig marxistischer Bericht DIE BANDITEN VON ORGOSOLO (bereits 1961 verfilmt) – und natürlich Gavino Leddas Roman PADRE PADRONE  und Grazia Deleddas Roman SCHWERES BLUT – auch in Deutschland bekannt. Die Schäfer von Orgosolo sind so etwas wie ein ethnischer Überrest aus der jüngeren Steinzeit, die „pastorale Großfamilie” bildet ihre soziologische Struktur und ist mit der modernen Welt konfrontiert, die ihre Kultur kriminalisiert. In einigen politischen italienischen Kreisen der 50er Jahre wurde (erfolglos) versucht, sie zu „vietnamisieren”. Orgosolo ist ein Synonym für die menschliche Entwicklung, die nicht in die moderne Zeit passen will, sich aber mitten in ihr abspielt; daher ist auch Abacrasta Orgosolo. Der tragische Zusammenprall gesellschaftlicher Realität ist seit jeher Stoff literarischer und dokumentarischer Auseinandersetzung mit dem sardischen Volk und seinen geheimnisvollen Traditionen.

In diesem Text finden sich alle Elemente guter, zeitgenössischer Erzählliteratur wieder. Die Überwindung der traditionellen sardischen Literatur durch eine ultramoderne Perspektive ist Salvatore Niffoi vollends gelungen. Als vergleichbare Stoffe der Weltliteratur wären Celas (DIE FAMILIE DES PASCUAL DUARTE) und Arrozarenas (MARARIA) Werke zu nennen, die fremde, archaische Bilderwelten literarisch bewältigt haben. Nicht zufällig stellt Niffoi seinem Buch als Motti die Zitate zweier südamerikanischer Autoren von Weltrang, Guimarães Rosa und Vargas Llosa, voran: Ein bisschen erinnert Abacrasta auch Garcia Marquez´ Macondo und Redenta Tiria an die Tochter Remedios.

Salvatore Niffoi, Jahrgang 1950, hat in Italien bisher vier Erzählbändchen veröffentlicht, von denen IL POSTINO DI PIRACHERFA letztes Jahr in Frankreich erschienen ist.

© Anette Kühnel
18.7.2005