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Autor:Nico Orengo Download als PDF
Titel:DI VIOLE E LIQUIRIZIA
Verlag:Editorial Einaudi, Italien 2005

Nico Orengo lebt und arbeitet als Redakteur und Autor in Turin und betritt mit seinem Roman DI VIOLE E LIQUIRIZIA geographisch zum ersten Mal Neuland – seine früheren, ebenfalls „kulinarischen” Romane (z.B. GLI SPICCIOLI DE MONTALE und IL SALTO DELL´ACCIUGE) waren an der ligurischen Riviera angesiedelt – : Hier bietet das an das östliche Frankreich grenzende Piemont, Italiens wichtigstes Weinanbaugebiet, eine grandiose, vielschichtige Bühne für das Geschehen um den Sommelier aus Paris, Daniel Lorenzi, und die Bewohner der Stadt Alba.

Der Beruf des Weinkosters verschlägt den Franzosen Daniel Lorenzi, der selbst italienische Vorfahren hat, nach Alba im Piemont. Die etwa 500 m hohen Langhe-Hügel südlich von Alba am Tanaro sind nicht nur berühmt für die Rotweine Barbaresco, Barolo, Barbera usw., sondern auch die feinste Küche Italiens mit ihren Trüffeln, der Fonduta und Wildgerichten ist hier beheimatet 1. Lorenzi ist von der Besitzerin der Enothek „Tastevin”, Amalia Giacosa, zu einem Weinseminar eingeladen worden, um die piemontesischen Weine aus dem Anbaugebiet Langhe kennenzulernen. Die beiden sind sich auf Anhieb sympathisch und ihre gemeinsame Leidenschaft – der Wein – macht sie zu einem guten Team, wenn sie Weinproben für englische, deutsche und japanische Touristen abhalten.

Die jeweilige Vorgeschichte der beiden Protagonisten Daniel und Amalia sorgt für Unruhe in der kulinarischen Idylle. Lorenzi, geschieden und mittleren Alters, macht sich Sorgen um seine drogenabhängige Tochter, die bei seiner Ex-Frau in Paris lebt. Amalia Giacosa, die mit ihrem undurchdringlich-finsteren Bruder Giulio die Enothek betreibt, leidet unter einer dunklen Familiengeschichte, die sich erst langsam entrollt. Mit Amalias roten Locken, ihrer „veilchenfarbenen” Bluse und ihrem „lakritzfarbenen” Rock assoziiert Lorenzi reflexartig die sinnlichen Eigenschaften eines Rotweins in der blumigen Nomenklatur der Sommeliers: Was bei einem guten Wein wie auch bei einer Frau überzeugt, sind die Eigenschaften „Qualität, Kompetenz und Fantasie.” (S. 15) Eine subtile Liebesgeschichte, die allmählich von der Vergangenheit überholt wird, beginnt.

Daniel Lorenzi lässt sich in einem Mietwagen durch die herrliche Landschaft fahren und besichtigt die berühmten Weingüter, deren Namen und Besitzer übrigens alle authentisch sind. Der Figur des schwadronierenden Taxifahrers Luciano, der mit Lorenzi über Land fährt und mit seiner Meinung nicht hinterm Berg hält, kommt die Rolle des Kommentators, des moralischen Gewissens und Chronisten zu: Er erzählt von dem „Hype” des piemontesischen Weinbaus, von der unerträglichen „Rhetorik des Weines”, den explodierenden Preisen für die Weinberge, den Ausbeutern des Bodens, den Rodungen der Obstanbaugebiete zugunsten neuer Weinberge und – vor allem – aus der Zeit des Partisanenkriegs, wo die Erde mit dem Blut der Widerstandskämpfer getränkt wurde. Erzählt wird der soziale und ökologische Niedergang eines Landstrichs, der gleichzeitig als der prosperierendste und erfolgreichste Italiens gilt. Offenbar aus diesen Gründen ist Luciano überzeugter und ausschließlicher Biertrinker. Luciano ist der Autor Orengo, wenn er sagt: „Das Langhe haben wir erfunden: ein Weinparadies für Weinenthusiasten und Touristen. Großartige Küche, großartige Weine, Hügel, um die die Toskana uns beneidet. Alles Märchen! Hier weißt du nicht, was du machen sollst, wenn du gerade nicht isst oder dich betrinkst – falls du es dir leisten kannst.” (S. 26) So flögen auch die Touristen im Herbst- und Winterhalbjahr lieber auf die Seychellen statt im Piemonteser Nebel spazierenzugehen, erzählt Luciano. Auf einer der Fahrten läuft ihnen ein zutraulicher Hund zu, der bei Daniel im Hotel unterkommt. Die Idylle, der Hund Flop, seine Zuneigung zu Amalia und die Sorge um die Tochter Nicole lösen bei Daniel emotionale Stimmungsschwankungen aus: Er lädt Nicole schließlich ein, eine Woche mit ihm in Alba zu verbringen, obwohl er nicht recht weiß, was er damit erreichen will. Die Tochter nimmt die Einladung an und erliegt ebenfalls rasch der traumhaften Atmosphäre der Landschaft und der Leute. Besonders die junge, enologisch erstaunlich bewanderte Japanerin Maria, die auch in Daniel heftige Gefühle auslöst, entpuppt sich als geeignete Freundin und Gesprächspartnerin des Junkie-Teenagers, der gerade eine Entziehungskur hinter sich gebracht hat. Der Hund Flop tut ein übriges, damit Nicole sich im Piemont wohlfühlt. Daniel ist gleichermaßen überrascht und erleichtert über die positive Entwicklung der Vater-Tochter-Beziehung in der Situation, die immer mehr von einer Dienstreise zur Urlaubsreise mutiert. Währenddessen entdeckt ihm jedoch Amalia ihr Geheimnis, durch das Daniel, der, abgesehen von seinen exklusiven Weinseminaren, dem Müßiggang frönt, zum Handeln gezwungen wird:

Im Zentrum des Geschehens steht das vernachlässigte Weingut La Ginotta, das 1870 gegründet wurde und einen exzellenten Barbaresco hervorbringen könnte, wenn Amalia es nicht seit dem tragischen Unfalltod des Vaters, an dem sie sich die Schuld gibt, unbestellt ließe. (Der Winzer Bruno Giacosa ist ebenfalls eine authentische Figur.) In einer Gewitternacht hatte sich die kleine Amalia mit ihrem Spielzeug in einer Scheune versteckt, während ihr Vater sie in den Weinbergen suchte, wo er tödlich verunglückte. Der Bruder Giulio, der Amalias Schuldkomplex verbittert schürt, hat obendrein die Hälfte von La Ginotta verspielt – das Piemont ist nicht nur das Paradies der Weine und Trüffel, sondern auch das Land der „Zocker”. Nun ergibt sich zum ersten Mal die Gelegenheit, das Weingut wieder zurückzugewinnen, denn Daniel schlägt den Spielern eine seltsame Wette vor: Durch eine Weinprobe, bei der der Enologe seine fast paranormale Fähigkeit 2, Anbaugebiet, Traubensorte und Jahrgang durch Riechen und Schmecken zu erkennen unter Beweis stellt,  erhält die dickköpfige Amalia ihr Weingut, mit dem sie jetzt große Pläne hat, zurück (S. 143f.). Darüber hinaus gesteht ihr am Ende der Bruder, dass sie gar keine Schuld an dem Tod des Vaters trägt, denn dieser hat damals während des Sturms lediglich die wertvollen Rebstöcke schützen wollen. Bei einem bukolischen Fest auf La Ginotta findet die Handlung in einem Schlusstableau ihren glücklichen, wenn auch offenen Ausgang; Nicole wird von Maria nach Japan eingeladen, Giulio, der Spieler, wird rehabilitiert, und Daniel und Amalia tanzen nach den Klängen von Dean Martins Under the Bridge of Paris.

Abgesehen von etlichen Randfiguren ist die bizarre Figur des Schriftstellers, der sich Eta Beta nennt, vielleicht die rätselhafteste Figur des Romans – und Gegenfigur zum Taxifahrer Luciano -, in dem alle Personen eine mehr oder weniger schmerzhafte Vergangenheit haben. Eta Beta wirft von Zeit zu Zeit seine Weisheiten in die Handlung, weiß vermeintlich alles über alle und doziert über die Wonnen und Leiden der Liebe. Auch in Eta Beta ist der leichte, ironische, aber unüberhörbare Pessimismus des Erzählers zu erkennen. Er widerspricht dem Traum vom idyllischen „Bella Italia”, denn intensive Landwirtschaft, Globalisierung, Megadiskotheken und Einkaufszentren zerstören systematisch organisch gewachsene, menschliche Gemeinschaften.

Das – mit einigen Einschränkungen (besonders in Il Giornale: „Un romanzo mezzo pieno e mezzo vuoto”) – durchweg enthusiastische Presseecho in Italien ist vor allem der Verbeugung Orengos vor der Landschaft und den Menschen geschuldet, die der Roman beschreibt (in Diario: „Questa terra è la mia terra” – „This Land is my Land”). Die thematische Klammer des Weins, des sinnlichen Vergnügens des Weintrinkens und des zufälligen Zusammentreffens ganz unterschiedlicher Menschen an einem überschaubaren Ort setzt im Text Gefühle und Bedürfnisse in Bewegung, die verschüttet waren. Während Daniel Lorenzi, der auch als personaler Erzähler fungiert, psychologisch völlig durchleuchtet wird, bleibt Amalia Giacosa trotz ihrer Schönheit und ihres starken Charakters etwas blass, ebenso wie die beiden (marginalen) Nebenfiguren Giulio und Nicole, deren Beweggründe und Biographien nur gestreift werden. Ob die Wettszene der mit der Weinprobe tatsächlich unglaubwürdig ist oder der Autor eine ironische Überhöhung seines Themas gewagt hat, bleibt indessen dem Leser überlassen. Manche Passagen des Romans mögen an eine Goldoni-Komödie erinnern, andere an die Turiner Romane von Cesare Pavese – ohne Nico Orengo, dessen Bücher bisher nicht auf Deutsch erschienen sind, zu kennen, fühlt sich der Leser in DI VIOLE E LIQUIRIZIA gleich daheim.

Mit leichter Feder entwirft Orengo ein Panorama, das gekennzeichnet ist von der sonnigen Heiterkeit eines Italienurlaubs und den kleinen Wermutstropfen Leidenschaft und Eifersucht, und erzählt „wie die Welt sich verändert in einer sich verändernden Welt”. Folgerichtig schließt das Buch mit einem veritablen Happy End und lässt einen zufriedenen Leser zurück. Ein hübsches, ruhiges Ferienbuch ohne den Anspruch, innovativ, rebellisch oder spektakulär zu sein.

[1] Vgl. Der große Johnson, S. 317f., 1991.
[2] Lorenzi kann einen Barolo von einem Barbera unterscheiden und den Jahrgang nennen,
     ohne das Ettikett gesehen zu haben!


© Anette Kühnel
22.1.2006