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Autor:Juan Tafur Download als PDF
Titel:LA PASION DE MARIA MAGDALENA
Verlag:Editorial Planeta, Spanien 2005

Der junge kolumbianische Autor Juan Tafur, Jahrgang 1970, hat in seinem Romandebüt LA PASION DE MARIA MAGDALENA seine Bibelstudien in der Päpstlichen Vatikanischen Bibliothek, mit denen er vor zehn Jahren in Rom begonnen hat, verarbeitet. Sein Hauptaugenmerk galt dabei dem Neuen Testament, den Evangelisten Markus, Matthäus, Lukas und Johannes. Das Evangelium nach Johannes ist seines Erachtens das bemerkenswerteste und egiebigste, weil der Apostel Johannes den Weg zur Erkenntnis Gottes über die Liebe beschreibt. Die Johannes-Exegeten unterscheiden seit alters mehrere Schreibperioden. Der älteste Bericht stammt aus dem Jahre 60 n.Chr. und stammt  „von dem Jünger, den Jesus liebte” – und das ist nicht Johannes, sondern, in Abweichung von der traditionellen Auslegung, Maria Magdalena, die Jesus nachweislich auf den meisten seiner Wege durch Israel begleitet hat. Der tief gläubige Tafur ist überzeugt, dass sie somit die einzig wahre Evangilistin ist. Wichtigste Quellen seiner Studien und seines fiktionalen Romans sind die Rollen von Qumran, die erst in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts auftauchten, und deren Wert der Vatikan stets heruntergespielt hat, und eine deutsche Ausgabe der „Apokryphen Evangelien” auf Lateinisch und Griechisch aus dem 18. Jahrhundert.

Die Geschichte spielt im 1. Jahrhundert n.Ch. und ist dicht und stark wie der Wein, der auf der Hochzeit von Kanaa in Strömen fließt und kein Ende nimmt. Die Ich-Erzählerin ist Maria Magdalena (aramäisch: Mariam), Schwester von Martha und Lazarus aus Magdala, deren Eltern früh verstorben sind. Nach der Beerdigung der Mutter trennen sich ihre Wege, Josef und Maria von Bethlehem erbarmen sich der jungen Waise Mariam und nehmen sie mit nach Bethanien an den See Genezareth. Mariam, eine Melancholikerin im zerrissenen Hemd, trifft auf Jesus, der hier den aramäischen Namen Isa trägt, und fühlt von der ersten  Begegnung an ihre Bindung an den Messias. Sie folgt ihm erst nach Nazareth in Galiläa und anschließend quer durch Israel, beschreibt die Begegnungen mit den anderen zukünftigen Jüngern, die traditionellen jüdischen Feste mit ihren Tieropfern und anderen Ritualen und die historischen Gestalten der Zeit: den Sohn des Herodes, die Pharisäer, Pilatus in Judäa, Nathaniel und den römischen Kaiser Tiberuis.

In großen Zügen folgen die sechs Teile des Romans dem Johannes-Evangelium, die Ich-Erzählerin legt Zeugnis ab von den Reisen, Visionen und Wundern Jesu in teilweise wortgetreuer Anlehnung an den Bibeltext: Von der Hochzeit in Kanaa über die Vertreibung der Händler aus dem Tempel, der Heilung des Gelähmten und – die Episode steht im Mittelpunkt der Geschichte – die Auferweckung ihres Bruders, des Lazarus von den Toten: Lazarus von Bethanien (Joh. 11.1-44) wird auf Bitten Mariams durch Jesus vom Tode auferweckt, ist später nach der Legende Bischof von Marseille und in der frühchristlichen und mittelalterlichen Bibelexegese das oft dargestellte Motiv der Auferstehungshoffnung der Christen. So begleiten wir als Leser Maria Magdalenas Darstellung bis hin zum Verrat durch den Jünger Judas, den Jesus vorausgesagt hatte, über das Letzte Abendmahl bis zur Verurteilung und Kreuzigung. Bemerkenswert ist, dass die Darstellung weit vor dem Bericht über Johannes den Täufer beginnt und außerdem weit über das Drama der Kreuzigung hinausgeht. In Mariams, respektive Maria Magdalenas Erzählung erfahren wir außerdem mehr über die Verfolgung der Jünger durch Kaiphas, den Tod Kaiser Tiberius in Rom, die Thronbesteigung Caligulas und später Neros, die Verwüstung Syriens durch die römischen Legionen, von der Reise des Petrus nach Rom und den Briefen des Paulus. Fast beiläufig erzählt sie von dem Kind, das sie austrägt und erzieht. Was der Leser schon ahnte, wird ganz unspektakulär bestätigt: Die Verbindung zwischen Isa und Mariam war tatsächlich eine Liebesbeziehung, aus der ein Kind hervorgegangen ist.

Dem Autor gelingt es, die erhabene Sprache der Bibel durch einen dialogreichen, beschreibenden Erzählduktus in eine lebendige Erzählung umzuwandeln, die den Leser in eine Zeit entführt, in der das historische Palästina in seinen Grundfesten erschüttert wird, die Lehren der alten Ägypter und das eschatologische Weltbild der Essäer Gültigkeit haben und das bloße Antlitz Jesu Christu die Menschen bekehrt.

Dennoch bleibt es ein stilles, frommes Bild, das Tafur von der vielleicht schönsten Liebesgeschichte der Literatur zeichnet. Die Figuren der Mariam und des Isa bleiben schemenhaft, psychologische Tiefe und/oder Identifikationsmuster sind vom Autor nicht beabsichtigt. Die Dialoge – durch die Psalmen und Gebete, die Jeus lehrte, zum Teil erläutert, zum Teil verfremdet – bleiben scholastisch. Die Liebesbeziehung ist, wenngleich emotional, vor allem spiritueller Natur. Mariam ist wie die übrigen Jünger eine treu ergebene Dienerin des Messias und bleibt trotz der angedeuteten physischen Annäherungen ganz keusch:

„...um die Flammen auf meinen Wangen zu löschen, tauchte ich das Gesicht ins kalte Wasser, bis die Stimmen und Gesänge in dem Strudel versanken. Als ich mich umwandte, stand Isa neben mir. Meine Hände trafen die seinen. Dann spürte ich seinen Atem auf der Haut. Ich hatte gedacht, er würde sich niemals trauen.” (S. 83)


Ihre Geanken kreisen um die Zehn Gebote Mose, den Gottglauben, die Nächstenliebe und last but not least um die Liebe als Weg zur Annäherung an Gott. Isa bleibt der Asket, der Erleuchtete, der Rätselhafte und Introvertierte, der seine Weisungen wie in der Bibel allein von Gott Vater erhält. Ebensowenig sind die anderen historisch verbürgten Figuren eine künstlerische, literarische Konstellation eingegangen, sondern tauchen wie in der Bibel aus dem Nichts heraus auf. So entsteht für den modernen Leser ein in Teilen schwer nachvollziehbarer Plot, der keiner Logik folgt, sondern historischen Ereignissen reine Eingebungen entgegensetzt.  Dies ist die narrative Verarbeitung historisch belegter Geschehnisse durch einen tief religiösen Autor, der sich nicht scheut, seinen Epilog mit den beschwörenden Worten enden zu lassen:

„...Vielleicht ist die Lehre Jesu heute ebenso notwendig wie im zerrütteten Palästina jener Zeit. Wer Ohren hat zu hören, möge Seine Stimme in diesen Buchseiten erhören. Friede sei mit euch allen.” (S. 267)


Ereignisse und Figuren fügen sich plausibel zusammen wie in einer Kinderbibel. Die Dramatik z.B. des Verrats oder der Kreuzigung wird als schiere, spirituelle Offenbarung kontrapunktiert, weit entfernt von der melodramtischen Inszenierung der Wallaceschen Version in „Ben Hur” oder ähnlichen Werken der Weltliteratur.

Dass die Liebesgeschichte zwischen Jesus und Maria Magdalena besonders in den letzten Jahren „sensationslüsterne” Bücher gefüllt hat, ficht den Autor nicht an.  Zwar sei die vorliegende Darstellung „reine Fiktion, aber – nach (...) Robert [von Ranke-] Graves – liegen alle Episoden in einer Tradition begründet, so schwach sie auch sein möge.” Authentizität oder Hyperbolik sind Tafurs Sache nicht, sein Evangeliums-Roman soll ein neues, frommes Licht auf den bis zur Erschöpfung ausgebeuteten Topos der Leidenschaft der Maria Magdalena werfen. In Anbetracht der im Trend liegenden neuen Innerlichkeit hat dieses Buch wahrscheinlich eine reelle Chance: Soeben ist das neue Buch des Franzosen Eric E. Schmitt „Das Evangelium des Pilatus” in einer phänomenalen Startauflage auf deutsch erschienen, obwohl ihm das Feuilleton umgehend den Stempel „Jesus-Kitsch” aufgedrückt hat.

© Anette Kühnel
18.11.2005