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Autor:Juan Gabriel Vásquez Download als PDF
Titel:LOS INFORMANTES
Verlag:Ediciones B, Spanien 2005

Der Kolumbianer Juan Gabriel Vásquez, Jahrgang 1963, hat DIE INFORMANTEN im Jahr 2004 in Spanien, wo er seit 1999 lebt, veröffentlicht. Es ist sein viertes Buch. Eine französische Übersetzung bei Actes Sud ist in Vorbereitung. In Spanien hat die Veröffentlichung in den wichtigsten Kritikermedien (Babelia, Que Leer, ABC, El País) 2005 ein breites positives Echo gefunden.

Der Roman ist formal gesehen ein Drama in fünf Akten mit den Titeln: Das unzulängliche Leben, Das zweite Leben, Das Leben laut Sara Guterman, Das geerbte Leben und Nachschrift. Der Ich-Erzähler und Journalist Gabriel Santoro jr. veröffentlicht Ende der achtziger Jahre die semi-fiktionale Biographie Ein Leben im Exil, in der er aufgrund von Nachforschungen und Interviews das Leben der deutschen Jüdin Sara Guterman nacherzählt, die 1938 mit ihren Eltern nach Kolumbien kam, um der Verfolgung durch die Nationalsozialisten zu entgehen. Das Exil erweist sich als Vom-Regen–in-die Traufe-kommen, denn in Kolumbien suchen im folgenden Jahrzehnt auch viele Nazis Zuflucht; das Bündnis Kolumbiens mit den so genannten Achsenmächten leistet einem latenten Antisemitismus Vorschub. Erst als der Präsident Santos mit Deutschland und Italien bricht und sich mit den Vereinigten Saaten verbündet, beginnt in den vierziger Jahren auch die Verfolgung von deutschen Immigranten mit nationalsozialistischer Vergangenheit. Anhand von Dokumenten, Verhören und Interviews rekonstriert der junge Santoro die Geschichte Saras, einer engen Freundin seines Vaters im Bogotá der dreißiger Jahre.

Sein Vater, ein mit dem nationalen Verdienstorden ausgezeichneter Jurist und brillanter Rhetorik-Professor, verreißt das Buch seines Sohnes in einer angesehenen Sonntagszeitung, verurteilt es als reißerisch, narzisstisch und exhibitionistisch. Mit dieser Rezension tritt Santoro sr. erst eine Lawine der moralischen Entrüstung los, die den Stoff für DIE INFORMANTEN liefert: Der Sohn wird sich aufgrund von Nachfragen und Kommentaren von Lesern darüber bewusst, dass sein Vater viel mehr als befürchtet in die Denunziationskampagnen der kolumbianischen Regierung verstrickt ist. Der Verriss führt den jungen Sabtoro erst auf die Fährte, dass sein  Vater an der Erstellung der so genannten schwarzen Listen für die CIA beteiligt war und nicht nur die Familie Guterman, sondern vor allem die ganze Familie des deutschen Immigranten Konrad Deresser in den Selbstmord und in den Ruin getrieben hat. Im Folgenden ergeben die Nachforschungen Santoros eine politische Chronik des Staates Kolumbien der vierziger Jahre: die Hexenjagd auf Exildeutsche, die Einrichtung regelrechter Konzentrationslager, die Willkür der Denunzierungen, der politische Fanatismus und die Korrumpierbarkeit von Würdenträgern und die Verleumdungen so genannter ehrbarer Bürgern und, last but not least, die Macht der kolumbianischen Drogenkartelle. Professor Santoro hat in erster Linie Konrad Deresser auf dem Gewissen, der denunziert, interniert, gefoltert, seiner Familie entfremdet wird und schließlich, nach seiner Entlassung, aus  Verzweiflung Selbstmord begeht. Drei Jahre später, nach der Veröffentlichung und dem Verriss der Biographie über Sara Guterman, will Professor Santoro, bereits von seiner tödlichen Krankheit und einer knapp überstandenen Bypass-Operation gezeichnet, sein Gewissen bei Enrique Deresser, der mittlerweile in Medellín lebt und seine deutschen Wurzeln leugnet, erleichtern und verunglückt auf der Rückfahrt nach Bogotá tödlich. Erst der Sohn findet viel später heraus, dass es ebenfalls  ein Selbstmord war.

Der dokumentarische Stil, die wiederholten Rückblenden und die Wiedergabe des Textes in Verhören, Interviews und Tonbandaufzeichnungen in großen Passagen rückt den Roman in die Nähe des modernen, investigativen Journalismus – Erfundenes und Wirklichkeit verschmelzen. Der Autor Santoro gibt dem Leser in den fünf Kapiteln jeweils zu einem anderen Zeitpunkt eine neue Perspektive zur Kenntnis, indem die betroffenen Personen ein und die selbe Geschichte jeweils einer eigenen Revision unterziehen. Die Niederschrift des Romans DIE INFORMANTEN ist kurz gesagt die Aufarbeitung  – „the making-of” – des Buches Ein Leben im Exil. Die Brechungen der Themen Schuld und Sühne, vererbte Sünde und moralische Verantwortung ergeben den Stoff für den vorliegenden Roman; nicht nur Fiktion und Realität vermischen sich schicksalhaft, auch die Personen des Erzählers und des Autors werden bis zur Unkenntlickeit ineinander verschränkt. In der bedeutungsvollen Nachschrift  schließlich werden die Ereignisse zwischen 1930 und 1995 noch einmal aus der Ferne, scheinbar objektiv, erzählt: Santoro jr. besucht den Sohn Enrique und den Enkel Sergio Konrad Deressers in Medellín und erfährt jetzt erst, dass sein Vater schwer unter der Bürde seiner Schuld gelitten hat. Sein Enthüllungsbuch über den Verrat hat dem Vater letztlich mehr zugesetzt, als er jemals zugeben wollte und ihn in den Selbstmord getrieben. Der Vater wird zum personifizierten Schicksal des Staates Kolumbien stilisiert. Das Motiv Cäsar-und-Brutus löst den Väter-Söhne-Konflikt ab, auch wenn der Sohn Enrique – und mit ihm Überlebende der Hexenjagd auf die deutsche Kolonie in Kolumbien dem jungen Santoro bescheinigt, dass die Denunziation der Denunziation längst überfällig war.

Der Roman enthält drei gewichtige Themen, die handwerklich perfekt miteinander in Beziehung gebracht werden: die komplexe Väter-Söhne-Beziehung, der Beruf des Schriftstellers, der zugleich Dokumentarist, Informant und Verräter ist und die Weltgeschichte, die im letzten Jahrhundert ungeahnte Auswirkungen auf das Leben und Sterben vieler Menschen in Kolumbien gehabt hat. Der Roman erreicht durch die Verschachtelung des Romans im Roman eine Ebene der Metafiktion, die die Entstehung und Berechtigung des ersten in Zweifel zieht. Zweimal bringt der Informant, der Kommentator, der Dokumentarist, der passive Beobachter Ereignisse ins Rollen, die er eigentlich nur dokumentieren wollte. Das moralische Dilemma spiegelt sich auch in der Form des Romans wider, der eigentlich zwei Romane enthält, zwei Opfer und Täter enthält, ohne dass der Erzähler– oder gar der Leser als Zeuge – zu einer Verurteilung gelangt. Der Roman erhält eine fast existenzialistische Note: Wie bei Camus´ Mörder Meursault, dem narrateur témoin, ist die Wertigkeit von Schuld und Unschuld, Opfer und Täter beim Informanten Santoro eine unlösbare Hausaufgabe für den Leser. Der Zusammenfall des Persönlichen, Familiären mit dem Nationalen und Politischen, der das Individuum in perspektivischer Verkürzung porträtiert, bringt das Drama der historischen Verantwortung, im engen und im weltpolitischen Sinne, ganz besonders nah an den Leser heran. Gelegentlich überspannt Vásquez den Bogen: Das Räsonnieren, das Hadern gerät ihm streckenweise zum Exzess verbalen Umfüllens, die revidierende Struktur des Dramas siegt über die Erzählung und lässt den historischen Schrecken stark in den Hintergrund treten.

DIE INFORMANTEN ist die leidenschaftliche Erzählung vom privaten und politischen Verrat im familären und politischen Spannungsfeld eines weitgehend unerforschten Kapitels der kolumbianischen Geschichte: Kolumbien schloss 1936 eine Allianz mit Deutschland und Japan (ab 1939 zusätzlich Italien), 1946 wurde seine liberale Regierung durch eine konservative, USA-hörige abgelöst, 1948 eskalierten die Konflikte zu einem Bürgerkrieg, der quasi bis heute andauert und bisher weit über 200 000 Menschenleben gefordert hat. Nach der Ermordung von drei Präsidenten sind erst seit 1991 umfangreiche Justizreformen im Gange, die die Willkür und Korruption im Staatsapparat beenden sollen.

© Anette Kühnel
28.10.2005